Tokyo – Stadt der Gegensätze

Tokyo ist das kulturelle Zentrum Japans, die politische Machtzentrale, Sitz des Kaisers und das heißeste Nightlife-Pflaster des Landes. Aber auch eine Stadt mit vielen Rückzugsmöglichkeiten und stillen Ecken.


Vom Dorf zur Metropole

Eigentlich ist Tokyos Geschichte erstaunlich kurz. Mitte des 15. Jahrhunderts gegründet, wurde das damalige Edo 1590 Sitz des Feldherrn Tokugawa Ieyasu. 1603 wurde er zum Shogun und Edo zur Hauptstadt des Landes. In den folgenden 265 Jahren regierte der Tokugawa Clan Japan, und Edo wuchs. Bereits im 18. Jahrhundert gehörte Edo zu den größten Städten der Welt. Seinen heutigen Namen erhielt Tokyo („östliche Hauptstadt“) erst im 19. Jahrhundert, als der Kaiser die Macht übernahm.

Nervös flackern die Leuchtreklamen über den zahllosen Bars, Yakitori-Spießchen-Buden, Res­tau­rants und Nachtclubs, während ein gigan­ti­sches Reklame-Schwein die Schnauze hoch über den Köpfen der Passanten aus der Fassade streckt. Gruppen von Anzugträgern drängen in die zahlreichen Izakaya-Kneipen zum „After-Work“-Umtrunk, während die Pas­san­ten peppige Einkaufs­taschen aus den Kauf­häusern, ach was, Shopping-Palästen, schlep­pen. Der Shinjuku-Distrikt entspricht dem Tokyo-Klischee schlechthin. Jeden Abend ist hier die Hölle los, zeigt sich Tokyo von der Mega-City-Seite. Erst wenn es spät wird, tingeln die Nachtschwärmer weiter nach Rop­pongi, in eine der großen Diskotheken. Shinjuku ist, genauso wie die Luxusmeile Ginza, das Leben im Schnelldurchlauf, die glitzernde Seite der Stadt.

Weitaus bodenständiger zeigt sich Tokyo auf der östlichen Seite des Sumida-Flusses: Im Ryogoku-Viertel liegt nicht nur das gewaltige Sumo-Stadion Ryogoku Kokugikan, sondern auch die mehr als 50 „Sumo-Ställe“. Sumokämpfer in traditioneller Kleidung gehören hier zum Straßenbild, genauso wie die zahlreichen Restaurants, in denen Chankonabe auf der Speisekarte steht: Der nahrhafte Eintopf hilft den Sumotori Gewicht zuzulegen. Wer selbst einen Blick auf die landesweit verehrten Kämpfer werfen will, hat hier am Vormittag die besten Chancen. Tokyo ist in Ryogoku so traditionell, dass die nur zwei U-Bahn-Stationen entfernte, flackernde und laute Welt der „Electric Town“ Akihabara mit ihren Elektronikläden und Spielsalons wie ein Ausflug in eine andere Welt wirkt! Schon des grandiosen Gegensatzes wegen lohnt es sich, den Abstecher dorthin zu wagen.


Mega-City mit Dorfcharakter

Wenige Stationen mit der Yamanote-Linie entfernt, Tokyos zentraler S-Bahn-Ringlinie, liegt Yanaka. Kaum ein Geräusch stört die Stille. Vogel­ge­zwitscher, ein Plausch unter Nach­barn, auf der Straße picken die Tauben seelen­ruhig zwischen den Pflastersteinen. Autos sind hier nur selten unterwegs. Und doch liegt Yanaka mitten in Tokyo, fast schon in Rufweite der brodelnden Innenstadt. Mitte des 17. Jahrhunderts ließ der Shogun alle Tem­pel nach Yanaka verlegen. Heute ist das Vier­tel mit seinen mehr als 100 Schreinen und Tempeln ein traditionelles Wohngebiet mit grünen Gärten und schmalen Wegen. Auch andere Viertel, wie das alte Asakusa, zeichnen sich trotz zentraler Lage durch viele lauschige Gassen aus.

So viele Facetten zeigt Tokyo, dass es schwer fällt, sie alle zu einem einheitlichen Bild zusam­men­zufügen. Tokyo ist nicht eine, sondern viele Städte, und zudem Teil eines zu­sam­men­gewachsenen Mega-Metropol-Areals, wie es weltweit kein zweites gibt. Mehr als 35 Millionen Einwohner und somit fast ein Viertel aller Japaner lebt in diesem Ballungsraum. Längst sind die Stadtgrenzen zwischen Tokyo­, Yokohama, Chiba, Kawasaki und Saitama nicht mehr zu erkennen. Für den Besucher ist dies zuweilen verwirrend. Bis zum Horizont zieht sich das Häusermeer, und doch scheinen sich mittendrin regelrechte Zeitlöcher erhalten zu haben. Typisch Tokyo eben!

Auch in Tokyo trifft Tradition auf Moderne — Tokyos Railway Station eröffnete in 1914.